Kinder wie die Zeit vergeht

Der Mensch neigt dazu, Dinge im Nachhinein zu verklären. Anhand von heutigen Ansichten, Stimmungen und Lebensumständen färben wir unsere Vergangenheit munter ein, und tun das sogar unbewusst so dass jeder entsprechende Vorwurf ungehört an uns abprallt. Das ist so lange gut, wie es das Leben schöner macht.

Früher war alles besser.

Diesen geflügelten Satz schiebt man gern und oft all jenen in den Mund, die heutige Misstände beklagen und vergangen Zustände loben. Das ist sicher nicht immer berechtigt, weil manchmal werden die Dinge wirklich schlechter – aber oft liegt man damit gar nicht so daneben.

Wenn man so ein Menschenleben mal in 10-Jahresabschnitte einteilt, und die ersten beiden wegen Kindheit und Pubertät großzügig ausblendet, kann ein Mensch in diesen Abschnitten zwei Dinge tun: er kann sie leben, oder er kann an andere Zeiten denken. Im letzteren Fall ist es fast egal, ob er auf den nächsten Abschnitt wartet (weil da Geld, Frauen und Luxus endlich eintreffen) oder den Verlust des vergangenen Abschnitts betrauert – auf jeden Fall lebt er nicht im Jetzt.

Wie immer im Leben geht es hier um Graustufen statt um schwarz oder weiß, jeder von uns erliegt hier und da mal diesen Versuchungen. Der geneigte Leser sollte sich eben nur im Klaren sein dass es a) dieses Reflex gibt und b) er nicht vorrangig vor sich hergetragen werden sollte.

In Eve ist ‚früher‘ höchstens 12 Jahre alt

Auch NevilleSmit kennt dieses Phänomen, zum Glück ist er sich dessen aber bewusst und schaut hat neben dem weinenden auch ein lachendes Auge dafür übrig. Trotzdem wird er ein wenig bitter wenn er sieht, wie wenig die Neuen zu schätzen wissen was sie heute alles haben. Die verweichlichen doch total, und das widerspricht doch dem eigentlichen Geist von Eve.

Der Grad an Freiheit in New Eden ermöglicht nämlich auch genau das – jeder drückt dem Spiel seinen persönlichen ‚This is Eve‘ (for me) Stempel auf. Und für die alten, griesgrämigen Bittervets ist Eve vor allem unfair, schwer zu durchsteigen und (spielmechanisch) hochkomplex. Als Beispiel führt er das ‚Jump Clone nur mit Standing 8.0‘ Dilemma an, in dem sich CCP nach dem Aegis Patch befand:

NS_zitat

Auch die Überarbeitung der medizinischen Klone (und der Beseitigung der Klonkosten / SP-Verluste) kann als sinnvoll, aber auch als verarmend angesehen werden. Nicht zuletzt verpassen neue Spieler natürlich auch viele erhebende Momente: eben jenes ‚Verdienen‘ des Jump Clones durch ewiges Grinding von Standings, ebenso wie für das Aufstellen von POSen, das Finden von Anomalien, das Handling von Scansonden generell, Safety-Knopf, Learning-Skills, Warp auf 0 an Gates. All das kleine und große Herausforderungen an Spieler, die heute niemand mehr meistern darf.

Gut so?

Ja, gut so. Denn das Eve der alten Tage war tatsächlich hässlich (nicht im grafischen Sinne). Und dieses alte hässliche Eve war nur interessant für ein paar wenige Spieler mit ‚besonderem Geschmack‘. Ich bin 2008 eingestiegen, habe einiges gesehen, vieles sicher auch nicht. Aber die Mechaniken die Neville beschreibt kenne ich alle.

Wozu das geführt hat? Ich hatte nie eine POS, und nie selbst-verdiente Jump Clone Rechte. In den Genuss von beiden kam ich nur durch Beitritt zu anderen Corps, weil jemand anderes sich die Mühe machte. Mich selbst da hinzustellen war mir für den Nutzen schlicht zu aufwändig. Und genau das ist die Gefahr: Spielinhalte zu verpassen weil sie unzugänglich sind, die so einer kleinen leidensfähigen Gruppe vorbehalten bleiben. Ja natürlich ist das elitär und cool, aber es schließt halt auch viele Spieler aus.

Hier hat CCP Jahr für Jahr aufgeräumt, umgeordnet und vereinfacht. Das bringt Spaß für den Bestand und Nachschub an Frischlingen. Natürlich schafft das neben den 95% willkommenen Neuspielern auch Zugang für 5% Nasenbären, die sich ohne die Vereinfachungen von der hohen Einstiegshürde abschrecken ließen. Wenn das aber nötig ist, um mein geliebtes New Eden auch die nächsten 13 Jahre noch wachsen und gedeihen zu sehen, nehme ich persönlich die nervigen 5% gern in Kauf. Denn die anderen 95% Neuen sorgen für mehr Content, und das heißt mehr Spaß für alle.

Die ‚Hello Kitty Online‘ Befürchtung der Bittervets da draußen halte ich für weit überzogen – denn kein MMO dieser Welt könnte weiter davon entfernt sein als unser Eve.

Kandoli

 

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