Zeigt her eure Helden – EVE als eSport

EVE als eSport. Bei dem Thema denkt man an Hallen voller Starcraft-Spieler und Fernsehübertragungen, man denkt an weltweite Counterstrike-Ligen und Profi-Mannschaften. Ohne die jährlichen „Alliance Tournaments“ all zu genau verfolgt zu haben – ich bin halt einfach kein Sportgucker – kann ich behaupten das EVE dieses Niveau heute nicht hat.

Die Hallen vollmachen

eSport jedoch ist in aller Munde wenn es um Multiplayer-Spiele geht. Neben großen – nicht immer positiven – Nachrichten zu Ereignissen in oder um Online-Spiele, ist eSport noch eine der nächsten Brücken in die reale Medienwelt da draußen. Und den Anschluss an den Massenmarkt zu finden, ist vermutlich Ziel eines jeden Spieleherstellers. Wenn wir daher also mal voraussetzen dass wir dahin wollen wo Starcraft und Co. schon sind (und diese Frage sollte man sich tatsächlich stellen), müssen wir herausfinden wie ein Spiel es schafft dorthin zu gelangen: in den eSport Olymp.

Bockwurst in der Turnhalle

Viele sind der Ansicht dass EVE nicht gut genug aussieht, um Zuschauern wirklich etwas zu bieten. Drackarn meint in seinem Blog Sand, Cider and Spaceships: Eve as an eSport? beispielsweise, der Raum sei zu groß. Die Protagonisten passen 500 Mrd. Mal in das Spielfeld. Das ist in der Tat ein schlechtes Größenverhältnis um spannende Zweikämpfe darzustellen. Waffen und EWAR Effekte werden nur gesehen wenn man sehr nah an die Schiffe heranzoomt. Nur sieht man dann leider nicht wer getroffen wird und welche Auswirkungen es hat. Auch sind oft auf einem Gegner mehrere Effekte aktiv. Soetwas ist aktuell einfach nicht darzustellen in der EVE Online Grafikengine.

Also kommen wir gezwungenermaßen zu den Tabellen, des EVE Spielers liebstes Kind. Und hier kommt der Punkt an dem es für Umstehende uninteressant wird, denn Tabellen lesen ohne den Hintergrund zu verstehen macht nun wirklich niemandem Spaß. Was also tun?

Der parteiische Unparteiische

Ich denke Drackarn ist schon auf dem richtigen Weg mit seinen Überlegungen, auch wenn ich die einzelnen Themen noch etwas differenzierter betrachten würde. Der Erfolg anderer (e) Sportarten ist kein Problem von Tabellen oder von Spielfeldgröße. Fußballfreunde lieben die aktuelle Bundesligatabelle und ich vermute so ein Podolski passt auch einige Male in ein Fußballfeld (v.a. wenn man die Ballflughöhe zum Feld hinzuzählt). Auch Counterstrike-Tabellen werden von CS Fans gespannt verfolgt, und mit dem Volumen-Thema brauchen wir hier gar nicht erst anfangen. Den Überblick und die adäquaten Informationen finden sich immer in Tabellen. Kurz gesagt: wenn ich ein Spiel mag, dann mag ich seine Tabellen und seine ausgedehnte Größe.

Ich denke die Richtung im Blog stimmt, aber die Schlüsse noch nicht. Spannung.. hmm.. Der Ausgang des Matches muss imho möglichst lange (idealerweise auch während des Kampfes) unklar bleiben, um Spannung zu erzeugen. Außerdem sollte ich grob verstehen was die da eigentlich tun. Das alles funktioniert allerdings nur, wenn mich der Ausgang des Matches interessiert. EVE also uninteressant?

Verbreitung

Ohne falschen Stolz kann behauptet werden: EVE ist ein Original. Starcraft und Counterstrike (auf die ich mich aus Gründen der Einfachheit hier konzentrieren will) hingegen sind Klone. Starcraft basiert auf dem von Dune (2) eingeführten Basisbau-Prinzip. C&C, dessen unzählige Nachfolger und Ableger bildeten die Gameplay- und Spielerbasis(!)-Grundlage für den Erfolg und die Verbreitung von Starcraft 2. Counterstrike basiert auf Half-Life. Die Prinzipien von Half-Life wiederum gehen über viele viele Schritte bis auf die ersten Misch-3D-FPS Gehversuche von id software zurück. Auch hier liegen Jahrzehnte an Veröffentlichungen von verwandten Spielen zugrunde, die so eine riesige Fangemeinde bilden konnten. Was das heißt? Sieht jemand ein Starcraft- oder Counterstrike-Match, weiß er – auch wenn er die Spiele selbst (unwahrscheinlicherweise) nicht kennt – ziemlich schnell worum es geht. Die Spielprinzipien sind auch für Fremde sehr schnell zu erfassen. Das Prinzip „leicht gelernt und schwer gemeistert“ schlägt zu: Was die Spiele selbst groß gemacht hat, spiegelt sich damit auch im Zuschauer-Interesse für den entsprechenden eSport wieder.

Und EVE? Nun ja, EVE hat Vorgänger (X sei hier zu nennen, Privateer, Elite) – aber die Verbreitung kann mit den anderen beiden bei weitem nicht mithalten. Das macht es Interessenten schwer, der Faszination des Sieges zu folgen, ein Match als spannend zu erleben oder den Einsatz eines Moduls als ‚clever‘ zu bestaunen. EVE-Mechanismen sind zu fremd, um für Außenstehende attraktiv zu sein.

Aussehen

Was nicht heißt das EVE nicht phantastisch aussieht. Man muss natürlich zugeben, dass EVE es unter den Spielen auch verhältnismäßig leicht hat, gut auszusehen. Aussehen und Realitätsnähe, Anzahl der darstellbaren Details und der implementierbaren Effekte hängen v.a. an Auflösung und an Anzahl der dargestellten Vektoren. Je mehr Vektoren eine Kugel bilden, desto runder ist sie. EVE muss sich im Gegensatz zu einem Battlefield oder Far Cry nicht damit aufhalten Vektoren an Gebäude oder Bäume, Gras und Umgebungspartikel usw. zu „verschwenden“ um eine glaubwürdige Spielumgebung zu schaffen. Es kann die gesamte Rechenpower in interagierbare Objekte packen (entweder besonders schöne, oder besonders viele), und legt einfach ein schönes JPG in der Hintergrund das aussieht als wäre es All. Und es funktioniert – EVE sieht richtig gut aus.

Nein, das ist keine Ingame-Grafik.

Starcraft 2 und Counterstrike .. nun ja, das eine so, das andere so. Allerdings haben beide der pompösen und modernen EVE-Engine.nichts entgegenzusetzen. Was beweist, dass Verbreitung und eSport-Tauglichkeit nicht am Aussehen hängt. Abgesehen mal von den oft verbreiteten ‚lieber hässlich und spannend als schön und langweilig‘ Tiraden die so selbstverständlich sind, dass sie schon fast wieder nerven: was sagt uns denn der große Bruder „Sport“ darüber? 11 Leute laufen über den Rasen, und verfolgen mit 11 weiteren eine kleine schwarz-weiße Kugel um sie in ein Tor zu schießen. Attraktivität? Meh. Spannung? Unbedingt. Was ist mit Football, Schwimmen, Pool Billard? Ist da irgendwas fürs Auge dabei? Nicht wirklich. Bodengymnastik der Damen? Attraktivität hui, Fangemeinde pfui. Daher denke ich muss da mehr sein als der äußere Schein, der Zuschauer fesselt.

Transparenz

Somit kommen wir zur Transparenz. Die Spannung liegt bei EVE hinter dem sichtbaren 3D-Gewühl. Hier beginnt das Excel Online in EO, die wirklich interessanten Informationen sehen wir nicht auf der schönen Oberfläche. In CS muss der Kommentator nur noch am Rande auf die Regeln eingehen: man kennt sie, sie sind nicht schwer zu verstehen – außerdem sieht man es. EVE? Nun ja, die Regeln sind nicht wirklich offensichtlich. Warum kann Spieler A den B jetzt nicht aufschalten? Wo sieht man eigentlich den Schaden? Nanu, warum B vorher keinen Schaden gemacht? Ach, er hat die falsche Munition, klar. *häh* EVE Spielern zuschauen ist demnach kein Wunder an Transparenz, und damit nicht sehr zuschauertauglich. Denn eigentlich spielen die Regeln doch nur eine Rolle so lange man sie nicht versteht, oder man die Regelauslegung durch den Schiri in Frage stellt. Ansonsten geht es doch viel mehr um Seifenoper. Natürlich muss klar sein, wie es funktioniert – aber das allein reicht nicht aus um Spannung zu erzeugen.

Wie lange braucht ihr, um festzustellen dass das keine EVE Tabelle ist? Der Witz ist nämlich, es könnte problemlos eine sein.

Transparenz im Sinne von ‚leicht dahintersteigen‘ ist das Eine. Das andere ist, den Spielverlauf auch ansprechend darzustellen. Hier verlässt man sich noch zu sehr darauf was der EVE Spieler sehen muss wenn er spielt. Zuschauer haben aber oft ganz andere Interessen. Beispiel Schadensmodelle: Spiele wie CS haben kurze Runden und verheizen Spielerleben, da lohnt sich eine Schadendarstellung nicht. Bei Starcraft jedoch sieht man beim Blick auf die Basis und auf 3-4 Zahlen schnell wie es um den aktuellen Spieler steht. In EVE ist hier noch ordentlich Luft nach oben. Warum qualmt das Schiff erst bei Strukturschaden? Gibts nicht vorher schon Möglichkeiten deutlich zu zeigen wie schlecht es um das Schiff steht? Auch Mehrfacheffekte müssen darstellbar werden. Wir haben (glaube ich) ein knappes Dutzend Spieler auf dem Feld, d.h. weniger als beim Fußball und damit mehr Bedeutung auf dem Einzelnen. Ich will – im übertragenden Sinne – Schweißperlen sehen, gebrochene Schienbeine und ausgerissene Haare, festgehaltene Arme und ausgestreckte Beine. Für den EVE-Spieler selbst natürlich unglaublich unwichtig, für einen Zuschauer aber wichtiger Teil der Seh-Erfahrung.

GZSZ im All

Aber mal ganz grundsätzlich – der große Sportbruder Fußball wird doch eigentlich erst spannend wenn man an Regeln, den laufenden Männern und deren Schweißperlen vorbeischaut. Geht es um den Klassenerhalt? Kackt der teure Stürmer extrem ab? War der Schiri nicht mal als Hasser des eigenen Vereins verschrien? EVE hat dieses Tournament-Meta noch viel zu wenig ausgebaut, keine Fanclubs, Fahnen, Pressekonferenzen. Keine Skandale, Fehltritte, Dramen. Es fehlen Medien die Neuigkeiten (und Gerüchte) in die Welt setzen, der Seifenoper-Anteil ist bei weitem zu niedrig. Wenn ein Spiel auch Nichtspieler interessieren soll (man denke an Fußball *lol*), muss auch ein großer Teil Story außerhalb der Arena stattfinden.

Das führt mich zu folgenden Empfehlungen:

Natürlich muss ein Spiel weit verbreitet sein, um auch im eSport Anklang zu finden, also erste Aufgabe für CCP: Erhöht die Residenz-Rate von heute 10% auf 50%, und sorgt dafür dass sie dort bleibt. Schraubt weiter am Aussehen, um den Anschluss an all die anderen schönen Online-Spiele da draußen nicht zu verlieren. Denn auch wenn Aussehen nicht den Ausschlag gibt, so schadet es sicher auch nicht ein attraktives Spiel zu haben.

Sorgt für mehr Transparanz im Spiel ohne die Anzahl der Tabellen zu erhöhen. Findet Möglichkeiten mehrere Effekte auf einem Opfer inklusive der Angreifer darzustellen, denkt über den Aspekt „Darstellungsprioritäten aus Zuschauersicht“ nach, welche Abläufe muss man ggf. nur für Tournaments sichtbar machen, die im Spiel selbst völlig uninteressant sind. Macht den Spiel-Verlauf anfassbar, versucht euch mal an Mini-Maps oder Nahaufnahmen aller Spieler (so ein Baldurs Gate Prinzip mit den kleinen Effekt-Symbolen?).

Und zu guter Letzt, fördert Drama Lama so weit ihr könnt. Unterstützt den Medien-Rummel um die Allianzen, Teams und Spieler. Schaut auf die Individuen – auch in-game, aber v.a. in der Realität – letztere sind viel besser anfassbar und wecken leichter Emotionen. Es gibt genug Attention-Whores die kontrovers angesehen werden, und jede Story stärkt eure Publicity. Fördert investigativen Journalismus in EVE. Erschafft Seifenopern und verbreitet sie. Und bleibt dabei immer schön unparteiisch.

 

Und gleich wenn ihr damit fertig seid, kümmert euch bitte endlich mal um den Weltfrieden. 🙂

Frohes Welt-Retten,

Kandoli

 

P.S.: Eine wirklich interessante eSport-Doku von Valve zum Thema Dota 2 können die des Englisch Mächtigen hier auf youtube sehen. Für alle anderen gibts zum Lesen deutsche Untertitel. 😀

P.P.S.: Der Link zu dem Valve Film stammt aus diesem GS Beitrag, und naja .. wieder schafft es die Eve Gemeinde nicht zu begeistern. Nicht weil der GS Redakteur sich irrt, sondern weil Eve sich im Film mehr selbst feiert und zentrale Ereignisse durch interne Größen (die außen keiner kennt) – ohne TamTam, ohne Musik, ohne geile Ingame-Schnitte, ohne die Helden wirklich kennenzulernen. Das kann man den Studenten die den Film gemacht haben zwar nicht vorwerfen, aber CCP sollte sich wirklich bei Valve eine Scheibe abschneiden.

2 thoughts on “Zeigt her eure Helden – EVE als eSport

  1. Großartiger Blogbeitrag!

    EVE hat innerhalb von EVE eine solide Fanbasis, die sich auf die eSport Versuche von CCP einlässt. Wer das vergnügen hat während der PL Matches auf den entsprechenden Coms zu sein, weiss vielleicht wovon ich spreche.

    Ein großer Kritikpunkt im diesjährigen ATXI ist für mich das Studio. Der Tisch um den sich 4 Typen kuscheln, deren Namen mir nicht geläufig sind….ähm…Nein Danke….das war definitv schonmal besser.

    Legion oder Valkyrie haben meiner Meinung nach das Zeug dafür ein eSport Titel zu werden. EVE selbst ist leider/Gotte-sei-Dank zu speziell um auch für Aussenstehende zugägnlich zu sein.

    • Das ist eine gute Idee, die zwei alternativen Titel eSport-mäßig ins Auge zu fassen. Legion liegt natürlich so oder so nahe, wenn die entsprechende Fan-Basis da ist. Valkyrie hingegen könnte etwas völlig Neues sein, ist leicht zugänglich und sieht schick aus. Wir dürfen also gespannt bleiben.

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