Vertrauen ist gut, EVE ist besser.

Sensationsheischende Berichte vom Kollaps riesiger Allianzen aufgrund von Langzeit-Spionen machen die Runde. Spieler werden abgeschossen, auch in Systemen in denen eigentlich CONCORD ihre schützende Hand über sie halten sollte. CCP toleriert und fördert mit offenen Spielmechaniken die Nichterfüllung von Verträgen und das hinterlistige Betrügen von gutgläubigen Anfängern (= Scam). Ist EVE gut gegen Vertrauen?

Paranoide Einzelgänger

Ein nicht unerheblicher Teil der EVE Spielerschaft hat eine ordentliche Portion Paranoia. Jeder ist ständig auf der Hut. Der – echte oder eingebildete – Feind scheint sich für nichts zu schade um das eigene Vorankommen sicherzustellen, überall lauern Gefahren. Der Sandkasten verspricht nicht etwa ungeahnte Möglichkeiten, sondern ungezählte Risiken. Das fehlende Vertrauen verdoppelt sich mit Eintritt in eine Corporation (plötzlich gibt es eine Gruppe zu der man gehört, und der man zwangsläufig vertrauen muss), und potenziert sich mit Zugehörigkeit zu einer Allianz. Alles ist möglich, jeder kann ein Verräter sein.

Aber ist EVE wirklich so?

Hinterlistige Helfer

Einer der bekanntesten Lieferanten für Neuigkeiten zum Thema Vertrauen / Misstrauen wird vermutlich The Mittani sein, was nicht zuletzt auf seinen Beiträgen aus der Reihe „Sins of a Solar Spymaster“ basieren dürfte. Die dort beschriebenen (meist) erfolgreichen Spionage-Aktionen erinnern an die Zeiten des Kalten Krieges. Spieler werden – natürlich immer freiwillig – in Corporations eingeschleust, geben sich dort brav und hilfsbereit und bereiten hinterrücks die Verursachung des größtmöglichen Schadens vor.

Doch kann man das nicht kommen sehen? Während einige CEOs überzeugt sind dass mangelnde Mumble/TS Nutzung auf einen Spion hinweist (man kann sich mündlich halt einfach nicht so gut verstellen), hält das Mittani-Spione von nichts ab. Sie nutzen persönliche Kommunikation, Freundschaften und Corp-Support als aktives Instrument ihrer Unterwanderungsstrategie. Das Motto lautet: je netter sie dich finden, desto leichter kommst du an ihre Werte.

 

Ich liebe dieses Bild, weil es gleichzeitig so nerdig und doch so zutreffend ist.

Drackarn beschreibt in seinem Blog Sand, Cider and Spaceships: Does Eve Online Make You Mistrustful?. wie er in Stronghold Kingdoms – einem Free2Play Burgenbauspiel von dtp – Hilfe von unerwarteter Seite bekam. Wie Kriegsgegner ihm während des Angriffs (!) Tipps zur Verteidigung gaben. Er konnte zunächst nicht glauben, mit seiner EVE-typischen Erwartung im PvP eines anderen Spiels positiv überrascht zu werden. Er kommt zu keinem Schluss was das über ihn, Stronghold oder Eve Online ausagt – aber es hat ihn sichtlich verstört. 😀

Misstrauen versus Vorsicht

Die Spione in Eve haben eine viel besungene Tradition, und diese wird durch passende Blogs, VoiceChat-Stammtische und Artikel auch entsprechend am Leben erhalten. Aber ist es wirklich so verbreitet, das eine einst blühende Allianz allein durch Spionage zu Boden geht? Keine Anzeichen von Verfall zu sehen, so wie überhand nehmenender Bitter-Sperg, kein beginnender Fail-Cascade? Nicht mal lustlose Recruiter und Chefs zu sehen? Da habe ich so meine Zweifel. Natürlich geht eine Corp unter, die keine motivierte Führung und vernünftige Struktur hat, aber da ist Spionage nur eine von tausend Auslösern. Aber warum verbreiten die Spione dann so gern ihre Geschichten (im RL machen das nur jene die in Zukunft dort nicht mehr arbeiten wollen) – warum tun sie so, als hätten sie allein die einst blühende Corp zu Fall gebracht? Ganz einfach, es unterstützt ihre Ziele.

Je mehr the_mittani beschreibt wie er gegnerische Allianzen infiltriert, wie seine Spione langsam Posten erschleichen, desto größer wird die Verunsicherung bei seinen Gegnern. Wenn er schreibt dass Spione sich als die Hilfsbereitesten und Nettesten tarnen, wird jeder Corp-Chef (und die meisten der Member) zumindest gedanklich ein kritisches Auge auf die Hochmotivierten in der eigenen Corp richten. Das sind in 99,9% genau jene die als gute Fee den Laden am Laufen halten. Und ausgerechnet sie werden durch solche Spion-Geschichten hinterfragt. Etwas Schöneres kann sich die spionierende Gruppe nicht wünschen, wenn die Corp beginnt an dem Ast zu sägen auf dem sie sitzt.

Der Spionage-Schaden durch internen Vertrauensverlust übersteigt den finanziellen Schaden immer um ein Vielfaches.

Wenn Vertrauen die Überzeugung ist, dass auch ohne Wissen schon alles seine Richtigkeit hat, ist Zweifel der Mangel an genau dem. Wer Fakten hat, braucht weder Vertrauen noch Misstrauen. Umsichtige CEOs begegnen dem, indem sie Fakten schaffen und Unsicherheit vermeiden. Man muss Neulingen nicht misstrauen, um sich mit ehemaligen CEOs unterhalten um sie kennenzulernen. Man kann sie eine Weile in begrenzten Trial-Umgebungen laufen lassen um zu sehen wie sie sich machen. Man kann ihnen nach und nach Verantwortung geben, die Corp und Allianz von ihnen profitieren lassen und fair zu ihnen sein, ihnen etwas zurückgeben.

In EVE steckt viel Freiheit, ein Spieler kann mit entsprechend langem Atem innerhalb der Spielregeln Monate an Blut und Schweiß zunichte machen und die Erträge dem Gegner zuführen. Diese Freiheit kontern Spieler als evolutionäres Prinzip mit Weitsicht, Regeln und Integration der Neuen. Genau hier bekommt der Recruitment Comic oben einen tieferen Sinn. Eventuell kann man ursprünglich als Spione gedachte Infiltratoren sogar bekehren – ich meine, wer berichtet schon über die sicher auch vorkommenden missglückten Spionageversuche, weil der Spion sich plötzlich doch wohlfühlte und seinen ursprünglichen Plan aufgab?

Was also schafft dieses komische Gefühl im Vergleich Stronghold zu EVE? Ganz einfach, es ist Stronghold. Ich persönlich kenne kein kompetitives Spiel (weder elektronisch, noch in der Realität), wo die erklärten Gegner sich während kritischer Phasen gegenseitig helfen. Natürlich gibt es überall Guides, Auswertungen, Lessons-Learned usw. Aber während des eigentlichen Kampfes? Da kenne ich nichts. Wo ein Torwart dem Elfmeter-Schützen seine schwache Seite zeigt? Wo der CS Spieler seinem Gegner mitteilt wie er ungehindert zum Bombenplatz kommt? Wo der Formel-1-Fahrer dem übrigen Feld Überholtipps gibt?

Das bringt mich zu dem Schluss, dass Eve normal ist. Eher muss man den Sinn des PvP bei Stronghold hinterfragen. Nicht das Hilfe nicht wichtig wäre, aber ich denke im PvP geht es um das Messen, nicht um das Mögen. Aber diese Einschätzung des Begriffs „Player versus Player“ muss ja nicht jeder teilen.

In diesem Sinne, fröhliches Wetteifern,

Kandoli

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