HTFU – Evolution statt Resignation

Phillip Sadogan setzte sich in den Kommandobrücken-Sessel der „Bergmanns Stolz“, welcher mit widerstandsfähigen Leder bezogen war. Schon beim Betreten des Schiffs stellte sich ein nicht unangenehmes, aber doch eigenartiges Gefühl des Ungewohnten ein – was sich auf der Brücke nahtlos fortsetzte. „So fühlte es sich also an, wenn man nach langer Zeit sein Schiff wechselt..“ dachte er bei sich, während er die Kontrollen an seinem Pult studierte.

(Anmerkung: dieser Beitrag ist Teil des Recruitment-Threads von Lunatics. Er soll aufzeigen wie verschieden Eve Online Spieler PvP erleben können. Der erklärende und künstlerische Anspruch stand dabei im Vordergrund, also sorry für Noob PvP mit inhaltlichen Unschärfen :D)

Er hatte den Wechsel lange hinausgezögert, denn eigentlich mochte Phillip keine Experimente. „Mit den Strip Minern machst du locker 10 Mal so viel Ertrag wie mit dem Zahnarztbesteck deiner jetzigen Suppenschüssel!“ hatte sein Vater ihm damals erklärt, als sie über Phillips Zukunft sprachen. Der alte Sandogan war vor 7 Jahren gestorben, aber zu Lebzeiten ein durchsetzungsstarker Mann gewesen, der es jedoch in seinem Beruf trotzdem nie zu nennenswertem Erfolg bringen konnte. Nichtsdestotrotz hatte Phillip sich seinem Willen meist untergeordnet, aus Folgsamkeit und um der Harmonie Willen gleichermaßen. Was Phillip an seinem neuen Schiff tatsächlich überzeugte war der riesige Laderaum, der ihn zwischen den Dockvorgängen wesentlich mehr Erz schürfen ließ. Ab und an mal hatte er mal überlegt, einer Corporation beizutreten um ein bisschen Hauler-Unterstützung zu bekommen, aber sein Vater war grundsätzlich der Ansicht das seien alles „Diebe und Betrüger, die sich im besten Fall schnell wieder auflösen, und dir im schlimmsten Fall dauerhaft das Geld aus der Tasche ziehen.“. Also hatte Phillip von dem Gedanken wieder Abstand genommen.

Leider hatte er sich für den Kauf von seiner lieb gewonnenen Venture – der besagten Suppenschüssel – verabschieden müssen, da seine Ersparnisse allein nicht ausreichten. Immerhin konnte er einen Teil der (teilweise sehr teuren) Ausrüstung weiter verwenden. So hatte es am Ende ganz knapp für die „Bergmanns Stolz“ gereicht, ein Schiff der Retriever-Klasse. So knapp, dass die Versicherung leider noch nicht im Budget war. Allerdings riet ihm sein Vater ohnehin immer davon ab, denn ‚Versicherungsmakler sind nur Piraten in Nadelstreifen, das Geld solltest du in bessere Module stecken.‘

Nun war die Zeit gekommen für den ersten Jungfernflug. Noch ein wenig unsicher in der Bedienung dockte er das Schiff von seiner neuen Heimatstation in Parses ab. Bisher hatte Philipp nur im 1.0 HighSec gearbeitet, denn bisher hielt er den höheren Security Status irgendwie für beruhigend, ohne einen konkreten Grund dafür nennen zu können. Sein Vater hatte natürlich auch dazu eine Meinung, die er – wie so oft, ungefragt und lautstark – kund tat: „Wer im HighSec minern will, sollte das im 0.5er tun, weil da der Frosch die Locken hat“. Phillip wollte der Idee seines Vaters mit seinem neuen Schiff endlich mal eine Chance geben, und wenn es ihm nicht gefiel könnte er immer noch ins 1.0er System zurückkehren. Mit nervöser Vorfreude nahm er Kurs auf den ersten Gürtel.

Nach scheinbar endlosem Warp dort angekommen, schaltete er ein paar Asteroiden auf. Schon durchzog das kräftige Wummern der beiden Strips das gesamte Schiff. Phillip entspannte sich ein wenig, und hing seinen Gedanken nach während er in seinem auf Mining spezialisierten Overview die nächsten Asteroiden anvisierte, sie auf Ertrag analysierte und dem Erzlager beim Füllen zusah.

Plötzlich bemerkte er aus dem Augenwinkel ein rotes Leuchten. Wegen der noch ungewohnten Anordnung der Anzeigen und Bedienelemente dauerte es einen Moment bis er realisierte, dass das Leuchten von seiner Schild-Anzeige kam. Phillip hatte schon einiges über Belt-Ratten gehört, aber noch nie selbst welche gesehen. Sein Vater war überzeugt, dass eine Retriever auch mit optimiertem Erz-Hangar jedem der Belt-NPC-Piraten locker standhält, daher hatte Phillip sich entsprechende Tank-Module gespart. Ein langer roter Balken blinkte ihn von dort aus an, die Restenergieanzeige für das Schild zeigte 23%. „23%?!? Ich bin so gut wie tot!“ schoss es ihm panisch durch den Kopf. Völlig aufgelöst suchte er fieberhaft die Drohnen-Bedienung, bis ihm einfiel das er auch die Drohnen zusammen mit seiner Venture verkauft hatte. Der Schild war nun aufgebraucht, die Retriever befand sich 70% im Armor. „Ich muss rauswarpen, jetzt sofort!“ schrie er die leere Brücke an. Verzweifelt suchte er in der langen Liste der mit Asteroiden überfüllten Overview-Anzeige nach dem rettenden Stations-Eintrag. Noch 30% Armor übrig, dann würde die Schiffsstruktur beschädigt werden. Endlich fand er die Station, markierte den Eintrag und hämmerte den Warp-Button auf seinen Schiffskontrollen. In seiner Panik bemerkte er ein Symbol auf seinem Display, was anzeigte er wäre ‚scrambled‘. „Bitte was?“ entfuhr es ihm, aber die Erkenntnis folgte umgehend – die Retriever begab sich nicht in den rettenden Warp. Noch 40% Struktur übrig. Phillips Gedanken glichen nun weißen Mäusen im Labyrinth. „Das können doch niemals Belt-Ratten sein.“, „Der Schaden ist extrem.“, „Wieso zum Henker kann ich nicht mehr warpen?“, „Oh mein Gott noch 10% Struktur.“.

Kurz bevor die „Bergmanns Stolz“ in den Warp gehe sollte, wurde Philipps Pod ausgestoßen. Orientierungslos wirbelte dieser um sich selbst, um sich schließlich mittels Schubdüsen mit Blick auf sein Schiff zu stabilisieren. Gerade noch sah Phillip die „Bergmanns Stolz“ in einem riesigen glühenden Feuerball vergehen. Er starrte fassungslos auf den Ort wo gerade noch sein gesamter Besitz in Form des neuen Schiffs majestätisch im Weltraum schwebte. Ein einzelner zusammenhangloser Eindruck durchbrach seine gedankliche Regungslosigkeit, während sein Pod geräuschlos von den Gravitationswellen des explodierenden Retriever-Antriebs durchgeschüttelt wurde: „Mein Gott, wie wunderschön das aussieht..“. Den Overview immer noch voller Asteroiden, bemerkte Phillip weder die aufgetauchten CONCORD Schiffe noch die Bestower, die sich auf den Weg zum Wrack der „Bergmanns Stolz“ machte.

Der kleine Bestower Transportfrachter mit Namen „Mundraub“ bewegte sich langsam zum Schiffwrack, um in den Trümmern nach Ausrüstung zu suchen, die von der Explosion verschont geblieben war. Dort angekommen sollte die „Mundraub“ Besatzung einige Faction Module finden, die „der Steinschubser-Idiot nun ohnehin nicht mehr brauchen würde“. Die heutige GankOp der Corp „Carebears Nightmare“ war damit ein voller Erfolg, und die Piraten posteten ein gehässiges „gf“ im Local – was jedoch vom Opfer ungelesen blieb.

— 3 Monate später —

Phillip saß in seiner Hulk im Asteroidengürtel eines NullSec Systems in der Region „Period Basis“ und lauschte mit halbem Ohr seinen Corp-Mates, die sich auf dem Lunatics. Funkkanal angeregt unterhielten. Aktuelles Thema heute: „Stimmt Quafe tatsächlich fröhlich, oder warum wirkt der sonst so grummelige CEO Kandoli immer dann besonders menschlich wenn er einen gehoben hat?“. Im Local Chat Fenster war die Farbe der Systembesucher in beruhigendem Blau gehalten, womit klar war das sich im Augenblick nur Freunde um ihn herum befanden. Eine großartige Gelegenheit um ein bisschen den mal mehr mal weniger gehaltvollen Unterhaltungen zu lauschen. Bislang immer recht zurückhaltend, war er sicher irgendwann den Mut zu finden sich an den Gesprächen zu beteiligen.

Mitten im gesitteten Gedankenaustausch (geprägt durch Gelächter, Zwischenrufen und gelegentlichem Schmunzeln von Phillip) schallte plötzlich der Ruf „Neut!“ durch den Lunatics. Funkkanal. Tatsächlich fand sich im Local Chat ein einzelner grauer Eintrag mit Namen „Noob Buster“. Phillip war klar, dass er seine Hulk sofort aus dem Gürtel bewegen musste. Glücklicherweise war diese auch bereits ausgerichtet und warpte ‚vergleichsweise‘ schnell zur Safe-POS der Corporation.

Die Corp-Frigates und -Cruiser dort wurden von der äußerst effizienten Lunatics. Industry Abteilung gebaut, um jedem Member unabhängig vom Wallet die Möglichkeit zu geben, an kleinen Roams oder Defense Flotten teilzunehmen. Sie waren bewusst mit günstigen T1 Modulen ausgestattet – einerseits um die Neuen nicht all zu nervös vor einem Verlust des Schiffs zu machen, andererseits  um die Skillanforderungen möglichst niedrig zu halten. Phillip hatte sich zwischenzeitlich zumindest in eine Lunatics. Frigate geskillt, also nahm er sich ein entsprechendes Schiff aus dem Ship Hangar.

Er hatte nach seinem Retriever-Loss vor einem viertel Jahr am Boden zerstört seine Raumfahrer-Karriere an den Nagel gehängt. Unerwarteterweise dauerte es jedoch nicht lang bis ihn die unendlichen Weiten von New Eden wieder faszinierten, wenn auch zunächst nur indirekt durch das Lesen von Geschichten der anderen Kapselpiloten. Unverbindlich schaute er hier und da mal in die einschlägigen Recruitment Foren, und hatte dann auch wenige Tage später die Lunatics. gefunden. Nach einem kurzem Kennenlerngespräch wurde er aufgenommen, und die neuen Corp-Kollegen haben ihm mit Geduld und guten Ratschlägen den Weg zurück in den Pod erleichtert. Im gemeinsamen Rückblick hat Phillip auch verstanden, wo sein eigener Anteil an seinem damaligen Verlust der „Bergmanns Stolz“ lag. Daraufhin wurde der Medi Clone aktuell gehalten, alle Schiffe maximal versichert und der Overview grundlegend aufgeräumt. Nichtsdestotrotz war er seit dem Beitritt zur Lunatics. nie wieder im HighSec aktiv – die Enttäuschung über den Gank saß einfach zu tief.

Er betrat schon beim Einsteigen in die Hulk vor einigen Stunden den Lunatics. „Staging“ Flotten-Verband, so dass er sehr schnell seine Fleet Member am Gate anwarpen konnte. „Wissen wir ob er allein ist?“ fragte Phillip über den Funkkanal. „Der Intel meldet noch 3-4 mehr zwei Systeme weiter. Das hier ist dann wohl der Scout.“ antwortete Nash, der PvP Chef der Lunatics. Der Intel Kanal war ein Chat Channel der NullSec Allianz, in dem eine verbündete Corp einige Systeme weiter Auftauchen und Zusammensetzung der gegnerischen Flotte gemeldet hat. „Ship Types?“ fragte Nash dann auch im Funkkanal. „Laut Intel 1 Rupture, 1 Caracal, die anderen 2 nv“. Insgesamt befanden sich nun 5 Lunatics. Schiffe zur Verteidigung am heimatlichen Gate. „Ok, na dann kommt mal zu Papa..“ meinte Nash optimistisch und gab seine Anweisungen, um die Flotte um das Gate herum zu positionieren. „Gatefire!“ unterbrach der nächste Ruf die Stille im Funkkanal. „Alle auf 30 ums Gate, Prop Mods an“ rief Nash, „es ist eine Crow“. Während Phillip auf 30km in den Orbit um das Gate ging und seinen Afterburner zündete, wurde ihm klar das ein Interceptor ein harter Brocken werden würde. Ein Schiff diesen Typs war so schnell und wendig, das es fast unmöglich war einen aufmerksamen Interceptor-Piloten aufzuschalten oder gar zu zerstören. Möglicherweise konnten sie einen Fehler provozieren indem sie ihn unerwartet enttarnten während Sie das Sprungtor umkreisten, aber die Chance war gering.

„Rest-Flotte noch einen Sprung entfernt.“ hörte Phillip über Funk. Während er noch darüber nachdachte wie lange so eine Flotte wohl von Gate zu Gate brauchte, erschien die Crow plötzlich auf seinem Overview in 1.800m Entfernung. Sein Herz setzte einen Schlag lang aus, bevor er sich wieder fing und das Schiff sofort aufschaltete. „Ich hab ihn, Lock läuft.“ rief er aufgeregt, näherte sein Schiff sofort dem Gegner an und meldete als Nächstes „Punkt sitzt, Web sitzt.“. Die so durch Phillip warp-unfähige und verlangsamte Interceptor war nun ohne Mühe mithilfe des Afterburner zu umkreisen. Phillips Hände waren trotzdem schweißnass. Obwohl er bisher schon bei einigen Flotten dabei sein durfte, hatte er selbst noch nie einen Abschuss erreicht. Nun überschlugen sich die Ereignisse. Nash rief „Burn to Phillip, dann Feuer frei – versucht den Pod zu schnappen.“, und Phillip feuerte. Durch den Stasis Webifier konnte er guten Schaden anbringen, während er durch seinen eigenen engen Orbit um das Schiff nicht all zu viel einstecken musste. Die anderen Flottenmitglieder flogen mit Höchstgeschwindigkeit zu ihm, um in Feuerreichweite zu kommen, waren jedoch sehr weit entfernt und saßen allesamt in größeren und damit langsameren Schiffen als Phillip. Davon unbeeindruckt schmolz der Tank der Crow unter Phillips Faction Munition unaufhaltsam dahin. „ich krieg ihn! Ich krieg ihn!“ ging es Phillip durch den Kopf, während sein Feuer bereits an der gegnerischen Struktur nagte. Plötzlich verließ der Pod das Schiff, obwohl es noch gar nicht zerstört war. Zu aufgeregt um das Feuer rechtzeitig einzustellen, beendete Phillip die Reise der Crow in einem glühend roten Feuerball. Der Pod jedoch entkam, und warpte sofort aus Overview-Reichweite um das System schnellstmöglich zu verlassen.

„Gegnerische Flotte dreht ab, und entfernt sich wieder.“ rief ein Corp-Kollege über Funk, womit zumindest diese Gefahr abgewendet schien. Phillip widmete sich dem Combat Log dieser Begegnung, und fand tatsächlich die Killmail mit einem einzigen Damage Dealer: Phillip Sadogan. „Hmm, Carebears Nightmare heißt die Corp..“ bemerkte er, aber diesen Namen hatte er vorher noch nie gehört. „Die halten hier keine Systeme, waren wohl tatsächlich nur auf der Suche nach schnellen Kills.“ antwortete Nash. „Vermutlich werden sie um unser System in Zukunft einen Bogen machen..“ bemerkte Phillip in einer Mischung aus Erleichterung und noch immer adrenalin-geschwängertem Stress-Lachen.

Zwischenzeitlich hatte der Pod auch das System verlassen, wie ein Blick auf den nun wieder blauen Local Chat bestätigte. Allerdings hatte der Pilot vor dem Verlassen eine Nachricht im Local Chat hinterlassen. „Noob Booster> gf sadogan“ stand dort, und unwillkürlich stahl sich ein stolzes Lächeln auf Phillips Gesicht.

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