Erkenne dich selbst

Es ist nun schon ein paar Jahre her, da hat CCP einen Versuch unternommen das Spielmodell radikal zu erweitern. Das ehemals rein Raumschiff-basierte Spielgefühl sollte mit Incarna am 21.06.2011 auf eine Avatar-basierte Erfahrung ausgedehnt werden: komplette Charaktermodellierung war geboren, Walking in Stations (WiS) war angekündigt. Wie die meisten Spieler der damaligen Zeit sich erinnern werden, ist diese Erweiterung nicht gerade als Sternstunde in die New Eden Annalen eingegangen. Mit gut dreijährigem Abstand sollte der mittlerweile kühle Kopf in dieses Thema nochmal ein wenig einsteigen, finde ich.

Captain’s Quartier – Keinen Vierteldollar wert?

Die Kritik an Incarna war vielfältig und reichhaltig. Neben sehr offensichtlichen Problemen wie die Performance und Stabilität der Captains Quartiers wurden auch einige nicht so naheliegende Gründe angeführt, warum Incarna nicht den richtigen Weg einschlug. Doch wie viel ist dran an dieser Kritik, und wie viele der Kritikpunkte bestehen noch heute?

„Ich habe mich nicht registriert, um ein Avatar-basiertes Spiel zu spielen!“

Hintergrund dieses Arguments ist es, dass EVE-Spieler nicht an Avatare gewöhnt sind, denn das war schon immer so. Ein unausgesprochener Seitenhieb auf die WoW-Avatare schwingt mit, assoziiert mit flacher Spielmechanik und Massen an Rage-Kiddies. Daraus wird geschlossen, das EVE-Spieler auch keine Avatare wollen, denn die hatten sie noch nie. Über die Tragfähigkeit dieses Arguments möge jeder Leser selbst nachdenken, v.a. im Hinblick auf zahlreiche Inhalte die neu eingeführt wurden, wie bspw. ‚unknown space / Wurmlöcher‘, ‚Exploration-Mechaniken‘, ‚Planetary Interaction‘ uvm.

„Es ist verbuggt und die Performance ist unterirdisch!“

Dieses Argument sticht, die bei Feature-Start ausgelieferten Captains Quarters waren buggy (führten zu Abstürzen und Clipping Fehlern) und waren extrem langsam. CCP ging hier ganz neue Wege in der Darstellung mit völlig neuen Mechanismen, und die Lektionen des Avatar-basierten Grafik-Designs mussten erst schmerzhaft gelernt werden. Die heutigen Quartiere haben diese Probleme glücklicherweise nicht mehr, was aber nach 3 Jahren Entwicklungszeit ja wohl auch das Mindeste ist.

Es bleibt zu hoffen dass mit neuen Tools und Abläufen die Einführung von Features diese Probleme nicht mehr haben werden, ganz unabhängig davon ob diese mit WiS zu tun haben oder nicht. Die Einführung neuer Features in letzter Zeit – allen voran das riesige Industrie-Update mit Crius – lässt in dieser Hinsicht aber hoffen.

„Es hat zu wenig Funktionalität, und man wird gezwungen es zu benutzen!“

Der Umfang der Quartiere ist verständlicherweise gering, sollten sie doch ausschließlich den Einstieg in die neue Avatar-Welt darstellen. Bis heute halten ein paar freundliche Meldungen uns davon ab, den Quartier-Ausgang zu verwenden. Die EVE-Spielerschaft hat mit ihrer Reaktion jedoch selbst dafür gesorgt, dass außer Bugfixes an den Quartieren nichts mehr verändert wurde. Alle Entwicklungsressourcen wurden dann auf die kommende „It’s only about spaceships“-Erweiterung Crucible geworfen, um ja die Core-Spieler wieder zu besänftigen.

Die zu Beginn fehlende Möglichkeit den bekannten Hangar-View weiterhin zu verwenden – also die Option WiS abzuschalten – ist vor allem den bestehenden Spielern äußerst bitter aufgestoßen. Neue schöne Grafikspielereien schön und gut, aber warum sollte ich extra ewig in den Hangar laufen um mein Schiff zu fitten? Das war ein großer Fehler hier nicht von Anfang an auf die optionale Nutzung zu achten, den CCP dankenswerterweise schnell ausgebügelt hat.

„Pay2Win in einem Subscription-Zahlmodell!“

Ein gewichtiger Vorwurf, aber vor allem eine Angst der Spieler. CCP betonte dass es sich bei den Avatar-Gegenständen die sich im Shop kaufen lassen ausschließlich um kosmetische Anpassungen handelt. Durch Geld sollten zu keiner Zeit spielrelevante Upgrades / Vorteile erkauft werden können. Man darf vermuten dass dieses Modell die New Eden Gemeinde auf F2P-Tauglichkeit (Free To Play) testen sollte. Ich würde sagen, der Test war erfolgreich, mit dem Ergebnis: die EVE Spieler mögen F2P nicht 🙂 Das Argument Pay2Win zieht aber gerade in EVE nur bedingt, weil hier ja durch PLEX-Erwerb in-game-Währung ganz problemlos erworben werden kann. Und wir alle wissen: das Shiny Faction Battleship macht noch keinen Skillpunkt, und schon gar keinen gestandenen Piloten.

Eine weitere Teilargumentation war, dass die Items im Shop viel zu teuer sind. Monokel kosteten umgerechnet 70$, Schuhe 10$, selbst T-Shirts sollten im Spiel mehr kosten als sie im Laden kosten würden. Das kann man jetzt ungerecht finden, allerdings kennen wir das aus dem (fast) freien EVE Markt: die Nachfrage regelt das Angebot. Wenn ich einen Porsche zu teuer finde, zünde ich ja auch nicht den Laden an. Wem ein Monokel keine 70$ wert ist, der sollte das Geld dort nicht investieren, schließlich sprechen wir hier von rein kosmetischen Artikeln. Ich würde die Aufregung verstehen wenn das Monokel durch neue Lichtstrahlenbündelung das Tracking des Piloten optimieren würde, wie es sonst kein für ISK basiertes Objekt leisten kann (= Pay2Win). Da wir aber über Kleidung und Schmuck reden, kann man die Dinge einfach im Shop-Regal vergammeln lassen bis CCP die Preise senkt (wohlgemerkt: wenn man es denn überhaupt kaufen will).

„CCP sollte seine Ressourcen auf die wirklich wichtigen Inhalte konzentrieren!“

Ein berechtigtes Argument, welches immer dann angebracht ist (und auch vorgebracht wird), wenn nach Meinung der Spieler ein Feature entwickelt wird wofür sie sich nicht interessieren. Es ist also kein klassisches alleinstehendes Argument, sondern ein vergleichendes: „CCP, macht doch lieber erstmal XYZ, das ist viel wichtiger!“. Ok, Es gab damals und gibt heute sicher ganz verschiedene Themen die Weiterentwicklung verdienen, und je nach Spieler-Gusto mögen diese mehr oder weniger wichtig sein. Allerdings ist diese Sicht individuell, und dieses Argument habe ich tatsächlich zu so gut wie jedem Feature lesen dürfen.

ABER man darf nicht vergessen, der Aufschrei der Spieler war wortwörtlich selbstzerfetzend. Durch die wirklich weit verbreitete und nur zu Teilen sachliche Kritik an Incarna hat man letzten Endes einen ganzen Teil der registrierten Spieler verloren, die aus Wut ihr Abo kündigten. In der Folge hat CCP selbst dann 20% des eigenen Personals abgebaut, um den Spielerschwund auszugleichen. Einer von fünf Leuten musste also gehen weil ein von CCP eingeführtes Feature aus Sicht der Spieler für CCP die falsche Priorität hatte. Damit haben sich nach dem Fan-Aufschrei die Ressourcen verringert, was sicher nicht Ziel der EVE Spieler gewesen sein kann. Aber das ist Marktwirtschaft.

„CCPs Eskalationsmanagement war unter aller Sau!“

Das ist aus meiner Sicht wirklich der größte valide Kritikpunkt an den damaligen Vorgängen. CCP hat hier wirklich keinen guten Job gemacht, und die Wellen wegen Incarna schlugen dementsprechend hoch. Nicht zuletzt trugen dazu verschiedene CCP interne Emails bei die im Laufe der Diskussion geleakt wurden. Teils handelte es sich hier um interne Arbeitsversionen und Konzepte, die nicht zur Veröffentlichung gedacht waren (wo der Leak meiner Ansicht nach nicht ok war), teils aber auch um interne Emails, die den nötigen Respekt gegenüber der EVE Spielerschaft vermissen ließen (wo der Leak durchaus angebracht war).

CCP Chef Pétursson selbst sagte einmal, dass er das was CCP bis Sommer 2011 geworden war selbst nicht mehr leiden konnte. Daher stellte diese Eskalation auch einen internen Wendepunkt für CCP als Unternehmen dar. Das Thema wurde innerhalb von CCP auch durchaus gespalten gesehen. Ein Teil der Belegschaft fühlte sich den Spielern näher als dem eigenen Unternehmen, was für zusätzlichen Zündstoff sorgte. Die Rolle des CSM wurde mit der Eskalation übrigens maßgeblich gestärkt, weil sich CCP erst jetzt auf deren Votum besann und sich aktiv auf sie stützte um die Lage wieder in den Griff zu bekommen.

Die Spieler selbst setzten mit dem „JITA Riot“ ein Zeichen, in dem sie eine Woche lang in JITA das dort platzierte Monument beschossen. Neben dem entstehenden Lag sollte so CCP signalisiert werden, dass die EVE Spielerschaft ernster genommen werden muss. Dieses Signal ist angekommen. Der Aufstand wurde bemerkt und von vielen CCP Mitarbeitern bewundert.

Erst am 05.10.2011 gelang es dem CCP Chef Hilmar Veigar Pétursson die Wogen mit einem Entschuldigungs-Brief leidlich zu glätten.

Ja und wer will das jetzt noch?

Ich. Und mein waches Auge sagt mir beim Lesen von Foren und Blogs, bei Kommentaren und News-Beiträgen – ich bin nicht allein. *muahahaha* Warum ich das will? Vor allem das Erschließen völlig neuer Gameplay-Welten, ohne dafür die bestehenden (teils unter hoher Last stehenden) Serverknoten weiter unter Druck setzen zu müssen. Die Avatar-basierten Welten könnten ohne Probleme auf komplett getrennten Serverknoten laufen. Ich kann mir sehr gut vorstellen in unserer Heimatstation in die Corp-Bar zu gehen und dort eine Runde Skat zu spielen. Natürlich ließe sich in entsprechenden Räumlichkeiten eine ganze Reihe an Unterhaltungsmöglichkeiten und Events einführen, die in der normalen New Eden Welt nicht umsetzbar wären. Nicht zuerst und nicht zuletzt seien hier die Exotic Dancer erwähnt. ^^

Es muss ja kein FPS daraus werden, in dem Stationen DUST-mäßíg nun auch aus der Schulterperspektive erobert werden können, aber so eine persönliche Bar für die der befreundete Corpie die Logistik macht, die evtl. sogar Einnahmen generieren könnte? GTA im Weltall? Auch für Missionen würde WiS völlig neue Perspektiven bieten. Denken wir an Exploration oder Planetary Interaction. Die bisher trailer-seitig austauschbaren Prota-/Antagonisten könnten nun auch im Spiel ein Gesicht bekommen, was man dann in schönster PvE Manier zerlegen darf. Wie weit die Welten dann ineinandergreifen sollen (also direkte Auswirkungen der Avatar-Aktionen auf die Raumschiffwelt und umgekehrt) kann man sich sicherlich noch überlegen.

Hinzu kommt: ganz von der Hand zu weisen ist die Idee von CCP nicht, mit dem Avatar-basierten Spiel v.a. neue Spieler anzulocken. In EVE ist ein Spieler ohne Raumschiff de facto nicht existent (sicher ein Grund für die Einsteigerraumschiffe für frisch gepoddete). Die Identifikation mit einem Raumschiff jedoch fällt nicht leicht, wird es einem doch ständig unter dem Hintern weggeschossen. Zum Raumschiff wird so kaum eine Bindung aufgebaut, da sie permanent als Wert zerstört und genauso problemlos wieder ersetzt werden können. Damit fehlt dem Spieler in EVE Online ein klares Identifikationsobjekt – eines was die Abschüsse überdauert. Spieler anderer MMOs haben das in Form des Avatars, der den Großteil der eigenen Handlungen im Spiel begleitet. Jetzt mag man einwenden, dass jeder Spieler drei Charakter-Slots hat, und Hardcore-Gamer sicher problemlos im zweistelligen Bereich Chars ansammeln. Trotzdem hat doch fast jeder einen Haupt-Char für das tägliche Einerlei (meist der erste von allen) – genau derjenige wäre der Identifikationskandidat.

Für statische und abgeschlossene Welten ohne große Interaktion (a la Siedler Online o.ä.) mag es ausreichen, den Spieler als (fast völlig) gesichtsloses Etwas über den Dingen schweben zu lassen. Für eine so stark interaktiv geprägte Welt wie New Eden aber halte ich das für sehr schädlich. EVE bindet durch Komplexität, Spieler kehren zurück weil sie neue Features ausprobieren wollen oder weil sie in anderen Spielen die bekannte EVE-Tiefe nicht vorfinden. EVE bindet aber bisher überhaupt nicht durch Identifikation mit dem eigenen Charakter. Der wird gerade am Anfang „mal eben neu angelegt“, wenn man sich „verskillt“ hat (gibt’s sowas überhaupt, verskillen?)‘. Ich bin der Ansicht dass das ein Nachteil des Spiels ist, der auch seine Auswirkung auf die Absprungraten der Noobs hat.

.. aber mich fragt ja zum Glück keiner. 😀

In diesem Sinne, ausgedehntes Am-Flügel-Kratzen,

Kandoli

4 thoughts on “Erkenne dich selbst

  1. Lathael says:

    Herr der Ringe Online. Man kann von dem Spiel sagen was man will, aber das Housing war Klasse.
    Es war echt cool sein Heim mit Dingen zu schmücken, es auszubauen und Freunde einzuladen.

    Wie geil wäre es wenn man nen Stück einer riesigen Laserkanone eines Burners in sein Quartier einarbeiten könnte.

    Der Plex Shop könnte Haustiere und Inventarobjekte verkaufen.
    Ich würde mir sowas echt holen!

    Vor allem käme dann endlich mehr SciFi Feeling nach Eve!

    Ich will durch düstere Gänge schländern und den tiefen Bass der Bars von den Lowdecks hören.

    Und wenn dann noch die Welten im Amarr Raum mit Tempelräumen, Sklaven und öffentlichen Gebeten, sich von den Konzernenklaven des Caldariraumes unterscheiden, dann wäre mein Traumspiel fast fertig.

    Kurze Rede langer Sinn. Ich will mehr Fluff!

    • Das sind ja geile Ideen! 😀
      Man könnte auch die Wohnungen auf den HighDecks für ISK vermieten, wenn es jemand besonders schön haben will. Man könnte Spionagemissionen am Äußeren der Raumstationen ansiedeln, so mit Maske und Halteseil. Jagden könnten damit enden dass ein Gefangener zuerst aus seinem Schiff geholt, und dann persönlich in ein Gefängnis gebracht wird. Lore bietet die Bücher ja genug, und belebt wird die Welt durch all die anderen Spieler. Man könnte große Stationen wie JITA ja teil-instanziieren durch Decks oder so, damit nicht alle auf einem Haufen rumhängen müssen. Und wie gruselig wäre dann eine Station weit draußen, als einziger Besucher. ^^ Also ich fänds auch super.

  2. Rhas Videll says:

    Sowas o.O
    Und ich dachte, dass nur ich die WiS-Geschichte vermisse.
    Man könnte den Avatar schön auf das Sofa setzen und auf dem großem Bildschirm die „o7-Show“ auf twitch schauen. ^^
    (technisch wohl eher schwieriger als eure tollen Vorschläge *seufz*)

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