Eve Corps: Jede Stimme zählt – oder doch nicht?

Die Erlösung des Eve-Neulings – so sagt man – liegt im Beitritt zu einer Spieler-Corporation. Der Tippgeber hat hier vor allem Corps im Sinn in denen es gut funktioniert, wo der Chef in Ordnung ist, die Regeln sinnvoll sind und das Wallet einigermaßen transparent ist. Aber was, wenn das nicht so ist? Ein kleiner Ausflug in Entscheidungsstrukturen in EVE Corporations.

Stand up for your rights

Das Leben des ‚Content Creators‘ ist nicht leicht. Jeder, der schon mal versucht hat einen Junggesellenabschied zu organisieren, weiß das. In EVE Online ist es aus verschiedenen Gründen etwas leichter als im RL: dem geneigten CEO / Direktor stehen unter anderem eine Rechteverwaltung, ein zentrales Wallet mit automatischer Besteuerung, ein Mailkontakt jedes Spielers und zentrale Corp Hangars zur Verfügung. Es gibt jedoch auch Themen die es im Spiel etwas schwerer machen: die Tools sind kompliziert zu bedienen, die Member haben wenig Einbringwillen verglichen mit RL Bekannten, es gibt keine Möglichkeit persönlich anzuklopfen wenn der Member nicht on kommt – wenn er nicht einloggt, dann ist er unerreichbar.

Aus meinen Erfahrungen mit Inhalt kreieren im RL und in EVE, würde ich sagen wenn man nicht schon Teil einer gut laufenden Gruppe ist, ist es in EVE wesentlich schwerer von Null an etwas aufzubauen. Jede erfolgreich organisierte Aktion in Eve Online die erfolgreich aus dem Boden gestampft wird, ist eigentlich ein kleines Wunder und den Organisatoren gebührt voller Respekt.

Das Leben des Corp-Members ist jedoch auch nicht einfach. Manche Corps glänzen nur von außen, sobald man beigetreten ist enthüllt sich eine wahre Misere. Der CEO dauer-genervt oder gleich ganz abwesend, die Veteranen toxisch und Aktivität gibts gleich gar nicht. Die Steuern sind viel zu hoch, wo das Geld eigentlich hinwandert weiß niemand so genau und das Forum ist eh immer tot. Zeit dass sich hier mal was ändert.

Aber wie? In Eve Online sitzt der Chef auf seinem Sessel, und im Normalfall bleibt er dort auch dann wenn er seinen Job nicht gut macht.

Warum nicht wählen gehen?

Ein Grundkonflikt in Menschengruppen – den der Entscheidungsfindung. 98 von 100 Spielern würden euch die folgenden Fragen so beantworten

  • Wie wurden Entscheidungen in deiner letzten / aktuellen Corp getroffen? Diktatorisch.
  • Ist Demokratie nicht ein viel besseres Konzept zur Entscheidungsfindung? Nein.

Aber ist das wirklich so?

Unbestritten, in den meisten Corps wird die Führung nicht gewählt, sondern bestimmt. Meist bestimmt der Vorgänger in schöner royaler Manier seinen Nachfolger, in wenigen Fällen entscheidet eine nicht-gewählte Gruppe von Alt-Eingesessenen wer auf dem Chefsessel Platz nimmt. Eindeutig nicht demokratisch, im Sinne von ‚jeder hat eine Stimme‘. Entscheidungen werden ähnlich zentral durch eine oder wenige Personen getroffen, auch hier von Demokratie keine Spur. Das ist durchaus vergleichbar mit militärischen oder erfolgsorientierten Unternehmungen im realen Leben – da stimmt der Soldat auch nicht ab an welche Front es geht.

Warum eigentlich nicht? Nun, Militärs, New Eden Entscheider und auch deren Member sind sich sicher, dass Demokratie in EVE einfach nicht funktioniert:

Zu langsam

Demokratische Entscheidungsprozesse dauern in den Augen vieler einfach zu lang. Das gilt vor allem wenn jede Entscheidung demokratisch gefällt wird („Bürgervotum“), ist aber auch in abgemildeter Form wahr – wenn jedes Thema erst bis zum Exzess zerkaut wird, nur um dann statt dem alles verbessernden Plan irgendwelchen halbgaren Kompromiss-Mist umzusetzen, der mehr schadet als nutzt.

Zu viel Drama

Mit der Entscheidungsmacht bei dem Linien-Member geht natürlich auch Verantwortung einher. Und somit kommt die Beeinflussbarkeit der individuellen Meinung ins Spiel. Halbwahrheiten oder glatte Lügen, Wahlkampf, Eloquenz – plötzlich gibt es zusätzliche Anforderungen für den Gewählten, der ohne diese gar nicht die Möglichkeit bekommt seinen Sachverstand zu beweisen.

Zu schwer umzusetzen

Im realen Leben ist der Aufwand schon enorm, jedem Wähler genau ein Mal die Möglichkeit zu geben seine Stimme abzugeben. In MMOs ist das schlicht unmöglich – niemand ist bereit als Zutrittsanforderung in eine demokratische Corp eine beglaubigte Personalausweiskopie nebst Sozialversicherungsnummer einzuschicken. Wie also Multi-Voter vermeiden?

Das alles sind gewichtige Argumente gegen die Umsetzung einer klassischen Demokratie, die in der Folge auch zur Bildung der erwähnten diktatorischen Strukturen führten. Und doch, ich behaupte im übertragenen Sinne ist EVE sehr wohl zutiefst demokratisch, etwa so wie es auch der freie Markt ist.

Stand up for your rights – die Zweite

Der EVE Spieler stimmt nämlich mit den Füßen ab. Während ein Mensch im realen Leben durch Pass, Staatsgrenze, Polizei, Militär oder Druck der Nachbarn auf Linie gehalten wird, hat der schlechte Diktatoren-CEO diese Möglichkeiten gar nicht. Jeder EVE Spieler ist völlig frei sich a) jederzeit einen neuen Alt anzulegen und seine Vergangenheit spurlos hinter sich zu lassen oder b) mit seinem bestehenden Char durch 1-2 Klicks die Corp zu verlassen und sich eine bessere zu suchen.

Die Last ist damit umgedreht: der CEO ist gezwungen, seine Mitglieder zufriedenzustellen und bei Laune zu halten. Ein RL Diktator muss das nicht, da er physische Repressalien ausüben kann um Abweichler wieder auf Kurs zu bringen. Der oben erwähnte mangelnde Einbringungswille resultiert direkt aus dieser Tatsache – wie viel Arbeit und guten Willen stecke ich als Line-Member denn in ein Nest, was der CEO einerseits jederzeit auflösen kann und was ich andererseits jederzeit verlassen kann? Und wir beide gehen – wenn es hart auf hart kommt – mit brandneuen Alts weiter durchs Leben als wäre nichts passiert.

Daher muss sich der CEO strecken, der sein Diktatorenreich nicht ausbluten lassen will. Erfolgreiche Corporations machen es vor – sie sind bemüht dem Member in Foren, Voicechats, regelmäßigen In- und Out-Of-Game Aktivitäten ihre Member durch soziale Bande aneinander zu binden, weil sie keine physischen Bande haben um die Member zu fesseln.

Fazit

Die Frage ist also weniger, ob EVE Organisationen demokratisch geführt werden sollten – denn im Grunde werden sie das immer – sondern wie man als CEO das im Spiel existierende Demokratieprinzip zu seinen Gunsten nutzen kann. Denn der Ball liegt hier deutlich in seiner Hälfte. Spielt er ihn, kann er Macht erlangen und etwas von Dauer schaffen. Ignoriert er diesen Teil des (Meta) Games, wird er über kurz oder lang seine Mitglieder verlieren – an jemanden der es besser macht als er.

Euch allen also mobile Füße und treue Member 😀

Kandoli

Democracy in Eve Part One: Why does it not work?.

demokratie

4 thoughts on “Eve Corps: Jede Stimme zählt – oder doch nicht?

  1. Oh, da kann ich in mehreren Punkten nicht zustimmen. Jeder Diktator muss sein Volk zufriedenstellen, zumindest einen gewissen Teil der im seine Macht Sicherheit. Wenn er alle vergrätzt, ist er längste Zeit Diktator gewesen.
    In Eve sieht es dagegen tatsächlich so aus, dass jeder Spieler einfach gehen kann. (Wobei das im Null nicht immer einfach ist.) Aber viele Spieler haben gar keine Lust auf eine Demokratie. Sie wollen nur spielen.

  2. Roger Wilco says:

    Meine Erfahrung mit Corps und Gruppierungen ist, dass es sehr viele dumme und/oder faule Spieler gibt. Die sind zu faul die einfachsten Sachen zu machen, lesen und informieren gehört schon mal gar nicht dazu.
    Die meisten Menschen, ob in einem Spiel oder im RL brauchen Jemanden, der Ihnen sagt, wo es lang geht. Ein Großteil der Menschen braucht klare Regeln und nur den sanften Geruch von „Freiheit“ in Form von möglicher Demokratie.
    Wobei es in EVE nicht besonders schwer ist Leute zu motiveren oder zusammenzubekommen, man braucht nur die richtigen Mittel. Wenn ich Spieler in meiner Corp 200 Mio/ISK die Stunde zahlen kann, aber nur 5 Spots habe, dann sind die Leute alle schon 2 Stunden vor dem Starttermin online. Die Spots vergebe ich nach Zuverlässigkeit und man muss sich es verdienen… Klar kann ich die Leute nicht zwingen, aber Fakt ist, dass es sich am Ende um ISK und abschiessen geht. Zum abschiessen braucht es ISK, da man auch was verliert, ergo, es geht nur um ISK.

    Grad die Dummen sind zu blöde um gute ISK zu verdienen, die packen es nicht solo und versenken lieber noch was, genau das Volk braucht eine starke Hand. Führ mich zum Schotter! So heißt die Devise. Führt man die Dummen zum Schotten, dann wollen die noch mehr Führung. Bleibt der Schotter aus, dann sind die weg. Der harte Kern, die Truppe in jeder Allianz/Corp, die das ganze System am laufen hält, sind meist selbstlose Leute, die deutlich mehr geben als nehmen, ohne diesen harten Kern läuft gar nichts. Somit bleibt die Frage, was macht mir Spaß?

    • Kandoli says:

      Ähm – im Grundsatz ist es nicht falsch, aber deiner Wortwahl kann ich nicht folgen. Was die ISK angeht – stimmt, es ist eine gute Motivation, wenn man ISK hat (auch wenn ich nicht sagen würde das es die einzige ist). Mein Statement bezog sich jedoch darauf, dass es schwer ist wenn man die Basis (Mrd. pro Event) gerade nicht hat, eine Corp voll Noobs und ein leeres Wallet ist nicht so selten in Eve. Und zu guter Letzt – der selbstlose Kern, ich denke auch das sich um den alles dreht. Wer den im Boot hat, muss sich schon sehr dämlich anstellen um nicht erfolgreich zu sein. 3-4 motivierte Leute halten so riesige Corps am Leben. Sind die weg, stirbt die Corp. Und ich glaub da sind wir auch schon beim Spaß – ich denke den Selbstlosen gefällt es tatsächlich zu geben, und dem normalen Member gefällt es zu nehmen. Von daher auch wieder i.O.

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